An die Mutter
Obgleich
kein Gruß, obgleich kein Brief von mir
So lang
dir kommt, lass keinen Zweifel doch
Ins Herz,
als wär die Zärtlichkeit des Sohns,
Die ich
dir schuldig bin, aus meiner Brust
Entwichen.
Nein, so wenig als der Fels,
Der tief
im Fluss vor ew'gem Anker liegt,
Aus seiner
Stätte weicht, obgleich die Flut
Mit
stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald
Darüber
fließt und ihn dem Aug entreißt,
So wenig
weicht die Zärtlichkeit für dich
Aus meiner
Brust, obgleich des Lebens Strom,
Vom
Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt
Und von
der Freude bald gestreichelt, still
Sie deckt
und nie verhindert, dass sie nicht
Ihr Haupt
der Sonne zeigt und ringsumher
Zurückgeworfen
Strahlen trägt und dir
Bei jedem
Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.
Johann Wolfgang von Goethe

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